Bolivien zum Zweiten: Vom Titicacasee durch die Berge ins tropische Flachland

11.7. – 3.8.2023

Dass unser Werkstattaufenthalt in La Paz über eine Woche dauern würde, hätten wir nicht gedacht. Grossstadt schön und gut, aber wir waren froh, endlich wieder eine Strasse unter Emmas Rädern zu haben! Unser Tagesziel war der Titicacasee, eine gute Autostunde von La Paz entfernt. Für die Nacht hielten wir bei einem Hotel, wo wir im Restaurant über dem See fangfrische Forellen assen. Es sollten nicht die einzigen der nächsten paar Tage bleiben! Am nächsten Mittag setzten wir mit der Fähre über den See und erreichten schon bald DEN Touri-Ort Copacabana. Laut einem Einheimischen, das originale Copacabana, das in Rio, sei nach diesem benannt. Wie es sich für einen Touristenort gehört, säumen Souvenirläden und Restaurants die Hauptgassen und an der Seepromenade laden Wassersportgeräte zu Spiel und Spass ein. Es wimmelte von Touristen, Einheimische und Ausländer. Nach einem ausgiebigen Mittagessen fuhren wir zu einem Campingplatz und buchten für den nächsten Tag eine Bootstour zur Isla de la Luna und zur Isla del Sol. Mit südamerikanischer Verspätung wurden wir am nächsten Morgen von einem Taxi abgeholt und zum Bootssteg gebracht. Das Boot war recht voll, aber nur wir und eine fünfköpfige Familie teilten sich den englisch- und spanischsprachigen Guide. Die Isla de la Luna, die wir zuerst besuchten, war zu Incazeit die Insel der Frauen, welche hier in einem „Kloster“ lebten. Nach ihrer Zeit auf der Insel, wurden sie entweder eine weitere Frau des Incaherrschers oder sie wurden dem Sonnengott geopfert…

Auf der Isla del Sol, die wir am Nachmittag ansteuerten, lebten die männlichen Priester. Ich glaube nicht, dass sie nach ihrer Inselzeit geopfert wurden, oder den Herrscher heiraten mussten…

Beim Verlassen von La Paz fuhren wir an diesen Kabäuschen vorbei. Hilfe in jeder Lebenslage wird angeboten
Alles was man an Opfergaben braucht, findet man auf der anderen Strassenseite. Lamaföten inklusive
Fangfrische Lachsforelle am Titicacasee
Der Titicacasee ist das höchstgelegene schiffbare Gewässer der Welt
Eine abenteuerliche Fährfahrt, aber da auch vollbesetzte Reisebusse diese benützen, sind wir beruhigt!
Erster Blick auf Copacabana
Die koloniale Kirche umgeben von Marktständen
Am Ufer geht es hoch zu und her!
Aber man findet auch ruhige Stellen
Auf der Isla de la Luna
unglaubliche Baukunst der Incas!
Der Incatempel der Frauen auf der Isla de la Luna
Die Isla del Sol war den Männern vorbehalten
Der Opfertisch
Roca Sagrada
In diese Nischen wurden Opfergaben niedergelegt. Früher war das auf der Sonneninsel Gold, auf der Mondinsel Silber
Der Sage nach liegen riesige Goldschätze auf dem Grund des Sees, vor den spanischen Eroberern in Sicherheit gebracht. Auch ein Kilometer langer Geheimgang soll unter dem See hindurchführen...
Incaruinen
Kurzer Verpflegungshalt auf dem Heimweg
Natürlich gabs fangfrische Forelle
spielende Kinder
 
Copacabana

Um vom Titicacasee weg zu kommen, hätten wir entweder dieselbe Strasse zurück nach La Paz nehmen müssen (was wir doof fanden) oder von Sorata aus eine spannende Tour durch die Berge zu unternehmen. Wie spannend die Strecke werden würde, ahnten wir nicht, sonst hätten wir der langweiligen Strasse mit Handkuss den Vorzug gegeben! Wir erreichten Sorata, das im Reiseführer als Ausgangspunkt für tolle Wanderungen angepriesen wurde, am Freitagnachmittag. Ich schaute mich um, und entschied, dass ich hier ganz bestimmt nicht wandern würde! Rundherum ging alles nur bergauf! Aber die steilen Hänge waren saftig grün. Unglaublich muteten hier die Äcker an! Ob sich die Bauern wohl anbinden, um nicht hinunter zu kullern? Unser Übernachtungsort befand sich vor dem Dorf, was sich am nächsten Morgen als Fehler herausstellte. Samstag war Markttag und die eh schon engen Gassen waren mit Marktständen und Menschenmassen und parkierten Autos verstellt und die Umfahrungsgässchen keinen Deut breiter. Wir haben Blut geschwitzt und ohne Hilfe der Einheimischen hätten wir uns verkeilt und wären jetzt noch Teil des Dorfbildes! Als wir befreit waren, ging es in ungepflasterten Spitzkehren die Berge hoch (wahrscheinlich einer der Wanderwege). Immer höher. Felix meinte dann zum ersten Mal, dass wir ein Restaurant anpeilen würden, und das GoogleMaps danach keinen Weg mehr finde, MapsMe aber schon! Jaaaa, MapsMe findet IMMER einen Weg! In vielen Fällen ist das super, aber in manchen Fällen echt sch…! Was würde es wohl werden?

Noch bevor wir zum Restaurant kamen, war der Weg wegen Hangrutsch in Reparatur. Felix sprach mit einem Arbeiter und der deutete ins Tal und auf eines der vielen Strässchen, die sich in Zickzacklinien über Berg und Tal zogen. Und weiter gings, zuerst wieder ein Stückchen zurück und auf ein anderes Wegelein abbiegen… Warum ich nicht intervenierte? Als ob eine neuerliche Fahrt durch Sorata eine Alternative gewesen wäre! Hm, oder vielleicht doch?

Es folgte ein erster Tag voller einspuriger, sich an steile Berghänge schmiegende, kurviger Schotterpisten. Ich sass an der Bergseite, Felix hätte den Blick in die Tiefe frei gehabt. Er Vermied aber den Blick in die Schluchten. Stellt euch vor, ihm wäre ab seiner Höhenangst schwindlig geworden! Was man da bei Gegenverkehr macht? Auf eine handtuchgrosse Ausweichstelle zurücksetzen und warten, bis sich der Lastwagen oder Pickup auf der Talseite an einem vorbeigezirkelt hat. Wie dachten oft, das könne nicht gut gehen. Für den anderen. Nach beinahe 8 Fahrstunden (anstatt 4,5h laut Navi) erreichten wir das Dorf Mapiri. Wir stellten Emma auf den Dorfplatz und schliefen. Am nächsten Morgen wurden um uns herum Marktstände aufgestellt, so dass wir den Platz schnellstens ohne Frühstück verlassen mussten. Ein weiterer langer Fahrtag folgte. Obwohl die Strasse jetzt auf der Karte orange war und eine Nummer trug, war sie weder breiter noch weniger kurvig. Es ging im gleichen Stil weiter, wie tags zuvor. Nur die Natur hatte sich verändert: rechts und links des Weges wuchsen Riesenfarne, Palmen, Papayabäume und tropisches Gehölz. Die Häuser in den Mini-Ortschaften waren aus Holzlatten gebaut und mit Palmwedel gedeckt. Traditionelle Röcke? Nein, Shorts oder kurze Leggins und T-Shirts und Flipflops wurden getragen. Die Strasse führte nun oft über kleine Bäche, die im steilen Gelände in Kaskaden herunter brausten.

Auch an diesem Tag waren die Kurven endlos und wir stellten uns für die Nacht neben eine kleine Nebenstrasse, wo wir am nächsten Morgen ganz bestimmt nicht von Marktständen umgeben sein würden. Höchstens von indischen Kühen. Auf einem Spaziergang entdeckten wir kleine Ananas und ein Äffchen schwang sich über uns durch die Bäume. Wir waren definitiv nicht mehr in den Anden!

Der dritte Tag des Umweges begann bedeckt und schon bald nach Abfahrt setzte ein leichter Nieselregen ein. Die unser Womo bedeckende Staubschicht der letzten paar Tage wurde nun mit Schlammspritzern überdeckt. Wir glichen (oder besser gesagt Emma glich) den sich im Morast wälzenden Hausschweine, an denen wir vorbeifuhren. Endlich waren aber die Kurven vorbei und die Besiedlung nahm zu. Zudem fuhren wir an vielen Minen vorbei, was wiederum für viele LKWs auf der Strasse sorgte. Und diese bespritzten uns auch wieder mit Schlamm! Mitte Nachmittag erreichten wir die Stadt Caranavi, stellten uns an den Hauptplatz und blieben da für die Nacht. Eine Strasse weiter wurde am Abend ein Grill auf den Gehsteig gestellt und der Duft des bratenden Fleisches lockte uns an einen der vier Plastiktische. Zur Auswahl stand Rindfleisch oder Wurst, dazu gabs für alle Reis, Pommes und Maniok.

Titicacasee und dahinter die schneebedeckten Gipfel der Cordillera Real
An so steilen Hängen wird meist Coca angepflanzt
Um um diese Kurve zu kommen, war Millimeterarbeit gefragt. Ich hatte die Hände schon verworfen, da halfen die Einheimischen.
Blick zurück nach Sorata und dem 6368m hohe Illampu
Ach Mist! Wir müssen einen anderen Weg nach Mapiri finden...
Strassen gibts hier ja jede Menge...
Die meisten sehen irgendwann dann so aus!
uns so...
Auch Gegenverkehr ist nicht ausgeschlossen. Aber dann weiss man wenigstens, dass es ein Durchkommen gibt!
Es wird grüner
und tropischer
Auto-, Kleider- und Körperwäsche kombiniert 🙂
 
Am Wegrand gefunden!
egenwolken ziehen auf und...
der Regen fügt dem Staub noch Schlamm hinzu

Mit vollem Bauch diskutiert sich besser, und wir mussten noch eine Entscheidung treffen. Ich wollte die berühmte Todesstrasse Richtung La Paz hochfahren. Um an den Start zu gelangen, mussten wir etwa 100Km fahren, dann die Rute de la Muerte hoch, nur um über die „neue“ Strasse wieder zurück nach Caravani zu fahren. Eigentlich ein völliger Blödsinn. Aber ich wollte halt so gerne… Und so fuhren wir nach Coroico, übernachteten im Ort und warteten den Nachmittag ab, bevor wir uns auf eine der gefährlichsten Strassen der Welt wagten. Seit die Umfahrungsstrasse im Jahr 2006 eröffnet wurde, wird die alte Route nur noch spasseshalber, oder eben für den Nervenkitzel befahren. Davor stürzten Jahr für Jahr hunderte Autos in die tiefen Schluchten, tausende Menschen haben hier ihr Leben verloren. Hoch im Kurs ist die Abfahrt auf der Schotterpiste mit dem Mountainbike. Und genau wegen diesen Touren verschoben wir unseren Start auf die Zeit, wenn die Radler unten angekommen sein sollten. Kurz nach 14:00 Uhr befuhren wir die Strasse und wechselten auf die rechte Strassenseite. An manchen Stellen ist die Strasse nur gerade mal 3 Meter breit und da fahren die talwärts fahrenden Autos beim Kreuzen dem Abgrund entlang, während wir uns an die Felsen kuscheln konnten. Kurve um Kurve ging es von 700 M.ü.M hoch auf 3000 M.ü.M, unter Wasserfällen durch, vorbei an Erdrutschen und Gedenk-Kreuzen. Leider begleitete uns während der dreistündigen Fahrt ein mehr oder weniger dichter Nebel, was die grandiose Aussicht doch recht beeinträchtigte. Die engsten Stellen waren jeweils die, wo zuvor irgendwann mal ein Erdrutsch Teile der Strasse mitgerissen hatte. Bei einem dieser Erdrutsche wurde noch gearbeitet. Als unsere Freunde Sylvia und Richard mit „Papillon 3“ im Februar hier durchfahren wollten, war die Ruta de la Muerte gesperrt und wurde erst anfangs Juli wieder für den Auoverkehr freigegeben. Fahrräder und Motorräder hatten die Strasse ein halbes Jahr für sich alleine. Nach gut drei Stunden fanden wir einen Kiesplatz und richteten uns hier für die Nacht ein. Noch bevor die ersten Tourenveranstalter am nächsten Morgen auftauchten, hatten wir dir „neue“ Umfahrungsstrasse erreicht und fuhren nun unzählige Kurven auf einer breiten, geteerten Strasse 2300 Meter in die „Yungas“ hinunter. Yungas heisst das saftig warme Gebiet, an dessen steilen Hängen die Besten Cocablätter zum Kauen angebaut werden. Die Cocablätter aus der Gegend um Cochabamba seien härter, zäher und werden lieber für die Herstellung von Kokain verwendet.

Unser Fazit zur Ruta de la Muerte? Nuuuun, die Strecke, die wir vor einer Woche befahren hatten, war bedeutend gfürchiger. Jene Strasse war enger und es kamen uns immer wieder LKWs entgegen, sodass wir gelegentlich auch rückwärts fahren mussten, um eine Ausweichstelle zu finden. Trotzdem, wer auf einen Nervenkitzel aus ist, go for it!

Die Ruta de la Muerte war bis 2006 die einzige Strasse, die von La Paz in die Yungas
 
Am riesigen Erdrutsch vom Januar wird immernoch gearbeitet.
unter dem Wasserfall durch!!!
Blick in die Tiefe
 
Emma unterwegs
Oft geht es neben der Strasse 1000 Meter senkrecht nach unten
 

Wir verabschiedeten uns von den Bergen und fuhren jetzt definitiv in die Tropen. Obwohl der Amazonas weit entfernt ist, wird dieser Teil Boliviens Amazonas genannt. Die Hauptverkehrsstrassen sind auf Dämmen gebaut, viele Nebenstrassen sind während der Regenzeit unpassierbar. Träge, breite Flüsse schlängeln sich durch die Landschaft, zum Beispiel der „Beni“, der durch Rurrenabaque fliesst. Weidlinge lieferten Berge von Bananen an, andere waren mit Familien und ihren Einkäufen vollgeladen und verliessen die „Grossstadt“. Das Ganze mutete sehr karibisch an und wir fühlten uns wohl in der Stadt. Von hier aus lassen sich mehrtägige Touren zu Öko-Lodges im Dschungel und die umliegenden Nationalparks unternehmen, für uns wegen Filou aber leider keine Option. Er soll weder von einer Anakonda verschlungen, noch von Kaimanen zerfleischt werden. Zudem sind diese Hotels häufig über dem Wasser gebaut und schon deswegen nicht für Hunde geeignet. Wir bleiben zwei Tage und machen uns dann auf den Weg nach Trinidad. Unterwegs soll es viele exotische Tiere geben, wir sahen auch viele Warntafeln, aber in Natura liefen uns nur ein paar Wasserschweine über den Weg und einige Kaimane faulenzten an den Ufern der Tümpel rechts und links der Strasse. Die Landschaft war aber sehr schön, Dschungel wechselte sich mit Viehweiden und Sümpfen ab. Wohin die Bauern wohl zur Regenzeit ihr Vieh bringen? Oder sind Brahmenenkühe auch Seekühe?

Trinidad ist für mich auch so ein Sehnsuchtsort, aber eher die Insel und nicht die bolivianische Stadt! Rund um den Hauptplatz hat es einige schöne Kolonialhäuser und ein paar Restaurants, denen wir gerne einen Besuch abstatteten. Ist euch das schon aufgefallen? Wir essen sehr oft auswärts hier in Bolivien. Das Essen ist so günstig, dass es sich gar nicht lohnt, den Herd anzustellen! Und da wir beide nicht wirklich leidenschaftliche Köche sind… Wir essen übrigens auch Salate und ungeschältes Obst und besuchen oft Garküchen am Strassenrand oder in den Märkten. Schlecht bekommen ist uns noch nichts, oder, unsere Mägen sind abgehärtet!

Jetzt sind wir wirklich in den Tropen angekommen!
Was so alles durch die Strassen von Rurrenabaque läuft!
oder fährt! Motorrad mit Sonnen-/Regendach
bunte Häuser
Das Hab und Gut auf einem Boot
Bananenlieferung über den Rio Beni
In San Borja spaziere ich mit Pferden durch die Strassen
Turnhalle
Sonntagmorgen vor der Kirche
Auf der Weiterfahrt in Richtung Trinidad soll es viele Tiere geben... Kaimane...
Ameisenbär...
Jaguar...
Faultiere...
und Wasserschweine, welche wir dann auch wirklich gesehen haben
Die Jesuitenkirche in San Ignacio de Moxos
Der weisse Punkt im Rio Tijamuchi ist übrigens ein Rosa Flussdelfin!!!   🙂
Die grosse Strasse ist auf einem Damm gebaut und auch zur Regenzeit befahrbar.
Fähre über den Rio Mamore
Die Kathedrale von Trinidad
Sonnenuntergang hinter der Plaza
Wir fragten uns, warum da soviele Motorräder stehen...
Ein Blick in die Kirche gab uns die Antwort! Rappelvoll!

Auch Trinidad verliessen wir schon bald wieder und machten uns auf den Weg nach Santa Cruz de la Sierra. Unterwegs assen wir noch gemütlich am Strassenrand zu Mittag und wollten am frühen Nachmittag durch Ascencion de Guarayos fahren. Ein paar LKWs standen am Strassenrand, wir fuhren an ihnen vorbei, nur um dann vor querstehenden Fahrzeugen zu stehen. Da ging gar nichts mehr, Strassensperre. Rechts und links der Strasse lagen Leute im Gras und unterhielten sich oder dösten. Niemand schien gestresst oder ungeduldig. Polizei oder Behörde? Keiner in Sicht. Um was es genau ging, erfuhren wir erst Tage später, aber irgendwas mit einem Strassenbelag und wer wieviel der Kosten übernehmen muss.

Hätten wir nicht zu Mittag gegessen, wären wir wohl noch vor der Sperre durchgekommen, aber nur, um dann im nächst grösseren Ort stecken zu bleiben.

Wir blieben nicht an der Blockade stehen, Felix hatte nämlich auf maps.me ein Umfahrungssträsschen gefunden. Dass diese auf der Karte schon bald als Fussweg angezeigt wurde, ignorierte Felix trotz meiner Intervention. Zu Beginn wars ja noch ok, aber dann wurde der Weg sehr holperig und schief! Ich dachte einige Male, Emma würde kippen… Bei einer grossen Pfütze kam uns ein Kleinlaster entgegen. Diese Pfütze nahm er mit Vollgas, so wussten wir, dass wir besser einen Gang runterschalten sollten. Unser Ausbruchversuch endete an der nächsten sehr grossen Pfütze. Zwei Autos standen bis zu den Türen im Wasser, ein anderes war schon herausgezogen worden und stand daneben. Als ein weiteres Auto von einem Pickup aus dem Schlamm gezogen worden war, begann der Rettungsversuch eines Pickups, wobei das „Abschleppseil“ zweimal riss ohne dass sich das Fahrzeug dabei weder vorwärts noch rückwärts bewegt hatte. Zeit für uns, umzudrehen. Auf keinen Fall wollten wir in diesem Schlamm festsitzen. Wir wären für eine Rettung viel zu schwer gewesen! So wendete Felix sozusagen auf einem Handtuch und wir tuckerten wieder den Berg hoch. Das heisst, ich wollte lieber laufen… für die kleine Pfütze durfte ich einsteigen und nach dem nächsten Rank stand der Kleinlaster von zuvor total schief in der Gegend. Ein Rad berührte den Boden nicht mehr und er konnte werder vor noch zurück. Siehst du Felix, meine Ängste sind sehr real! Der Fahrer des Pickups, der sich auch um die im Schlamm festsitzenden kümmerte, zog den Laster Zentimeter für Zentimeter aus seiner misslichen Lage und das Zuschauen, wie der Laster wiederholt beinahe kippte, war mein wahrgewordener Albtraum. Aber es klappte und Felix nahm die freigewordene Fahrbahn mit viel Geschick in Angriff. Ich lief voraus und traute mich nicht, mich umzuschauen :). Oben am Hügel, da wo die gestrichelte Linie auf der Karte begann, gab es ein Balneario mit Cabanas und der Besitzer nahm uns gerne bei sich auf. Felix ging im natürlichen See schwimmen, mir war das Wasser zu dreckig. Ich setzte mich in den Schatten unter einen Baum und sah den Papageien zu.

Auch am nächsten Tag blieb die Strasse nach Santa Cruz blockiert, wie unternahmen einen Ausflug zu einer der vielen Jesuitenkirchen der Umgebung. Viele davon wurden vom Schweizer Jesuit Hans Roth zwischen 1987 und 1993 renoviert und gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Nach einer Nacht in der Wildnis, schauten wir uns den inzwischen viele 100 Meter langen Lastwagenstau vor der Blockade an und staunten über die Gelassenheit der Chauffeure. Die standen jetzt schon den dritten Tag still! Wir kehrten ins Balneario zurück und Felix spazierte am Abend zum zweiten Wasserloch hinunter, um zu schauen, ob wir doch noch einen Ausbruch wagen sollten. Während er unterwegs war, sah ich, wie ein Tanklastwagen den Wald hochgeholpert kam und dachte, hej, wenn der das schafft, dann sollte wir das doch auch können! Felix hatte aber beobachtet, wie der Tanker im Schlamm steckte und von zwei Pickups gleichzeitig herausgezogen werden musste. Ein Blick auf die Fotos und ich war überzeugt. Was mal eine grosse Pfütze gewesen war, war jetzt ein riesiges Schlammloch!

Der Donnerstag brachte keine Neuigkeiten von der Blockadenfront, Felix hatte aber eine andere Route in seinen Karten entdeckt. Und diese nahmen wir nun unter die Räder. Bei der Abzweigung von der Hauptstrasse lagen ein paar Baumstämme über dem Weg, diese liessen sich aber leicht umfahren. Und so tuckerten wir zwischen Mais-, Getreide- und Sojafelder gemütlich durch die Landschaft. Seltsamerweise wurde der Feldweg im Nichts auf vierspurig ausgebaut und der halb umgepflügte Weg wurde sehr holperig. Uns hielt das nicht auf! Einer der Autofahrer, den wir antrafen, sagte uns, der Weg nach Santa Cruz sei frei, wir müssten einfach diesem Weg folgen. Das Gefühl der Freiheit endete bei einer kleinen Ansammlung von Häusern, wo Urwaldriesen gefällt worden waren, um uns den Weg abzuschneiden! Die kleinen Bäume hätten wir mit Emma wegziehen können, aber bei den Grossen hätten wir keine Chance gehabt. Auf einem anderen Feldweg fanden wir einen Platz für die Nacht. Wir würden am nächsten Morgen weiterschauen.

Während ich mit Filou spazieren ging (und immer befürchtete, von einem Jaguar angefallen zu werden) kam ein Mann mit einem normalen Personenwagen über eine Wiese gefahren und zeigte Felix, wie er die liegenden Baumstämme umfahren könne und dann sei der Weg bis nach Santa Cruz frei! Wir schliefen erst mal, hörten drei freiheitsuchende Lastwagen an uns vorbeifahren und wieder zurückkommen und wussten somit, dass auch der andere Feldweg nicht durchgängig war. Am nächsten Morgen waren wir früh auf. Felix schritt die Wiese ab und suchte nach dem besten Weg zwischen den Tümpeln. Dann setzte er sich hinters Steuer und fuhr vorsichtig auf die Wiese. Es holperte zwar gewaltig, aber alles ging gut. Nur noch 100 Meter bis zum grossen Baum, wo der Weg war! Vor lauter Vorfreude achtete Felix nicht mehr so gut, wo er hinfuhr, geriet zu weit rechts und sumpfte ein! So kurz vor dem Ziel! Der kleine Fahrfehler kostete ihn drei Stunden buddeln und drei riesige Blasen an den Händen. Aber er schaffte es! Ganz alleine, weder mit meiner noch mit fremder Hilfe! Ich war ihm keine Hilfe, da ich wiedermal eine Migräne hatte und unfähig war, irgendetwas anderes zu tun als mit geschlossenen Augen im Auto zu sitzen.

Wenig später erreichten wir die Hauptstrasse und genossen das Gefühl der Freiheit bis in den nächsten Ort. Die am Strassenrand stehenden LKWs zeugten von einer weiteren Blockade. Mit der Hilfe eines Motorradfahrers schafften wir es wenigstens bis in die Stadt San Julian, wo wir uns an den Hauptplatz stellten und den nächsten Morgen abwarteten. Und am nächsten Morgen waren die Blockaden und alle Lastwagen weg und die Strasse nach Santa Cruz wirklich frei!

Auf dem Hauptplatz von Ascension
Der Weg in die Freiheit. Oder eben nicht.
Massen-Steckenbleiben der "Streikbrecher"
Auch der musste abgeschleppt werden
Dann bleiben wir eben da!
Wir hätten es schlimmer treffen können
Gauchos
Ausflug zur Jesuitenkirche in Urubicha. Seltsamer Glockenturm!
Übernachten unterwegs
 
Zurück an der ersten "Fluchtroute". Die Situation hat sich nicht eben verbessert...
Ein anderer Weg um die Blokaden herum. Vielleicht...
Diese Riesen lassen sich nicht so leicht umfahren...
Wir versuchens wie die Einheimischen... bei dem einzeln stehenden Baum ist der Kiesweg erreicht!
Ein kleiner Fahrfehler und schon sitzen wir im Schlamm fest!

Wir erreichten die grösste Stadt Boliviens (ca. 1,6 Mil. Einwohner) am Samstag Mittag, zu spät, um bei einem Tierarzt ein Gesundheitszeugnis für Filou ausstellen zu lassen (Grenzübertritt nach Brasilien). So waren wir „gezwungen“ das ganze Wochenende in der Stadt zu bleiben. Die Plaza central war nur wenige Schritte von unserem Parkplatz entfernt und auf dem Weg dorthin sahen wir den ersten Starbucks seit Monaten (ausser, als wir in der Schweiz waren 🙂 ). Wir liessen ihn links liegen, uns war eher nach frisch gepresstem Fruchtsaft zumute. Ab dem späteren Nachmittag staute sich der Verkehr von unserem Parkplatz bis rund um den Hauptplatz. Und das bis zwei Uhr in der Früh! Felix meinte, die wollen alle in die Kirche, aber ich glaube, es macht ihnen einfach Spass, durch die Strassen zu cruisen, jetzt am Wochenende. Der Lärm der aufheulenden Motoren und die Kakophonie der aufgedrehten Radios waren unserem Schlaf nicht eben förderlich. Wenigstens waren die Temperaturen angenehm.

Uns gefiel Santa Cruz ausserordentlich gut. Die kolonialen Gebäude in der Innenstadt, der grosse, baumbestandene Platz, die vielen Restaurants und Eisdielen, das abendliche Flanieren der Einwohner und natürlich die angenehmen Temperaturen. Aber die Vorfreude auf ein neues Land trieb uns am Montagmorgen zum Tierarzt. Mit dem Attest in der Hand suchten wir die SENASAG auf, wo man uns sagte, wie wir die Ausfuhrbestätigung erlangen könnten und dass es nach dem Antrag drei Tage dauern würde. Nee du, dann wagen wir die Einreise nach Brasilien ganz einfach ohne bolivianische Erlaubnis!

Wir fuhren gleich los, hatten wir doch erfahren, dass eine Brücke erneut blockiert werden würde, und wir wollten diese vor Ablauf der 72 Stunden passiert haben. Beim der ersten Zahlstelle (Maut) teilte man uns mit, dass wir schon zu spät seien, die Brücke sei seit dem frühen Morgen schon dicht. So entschieden wir uns für einen Umweg über die Staubpiste, um die es von Anfang an bei den Blockaden ging. Und rasselten promt in eine gesperrte Strasse. Unter einem Zeltdach sassen die Protestierer gemütlich beisammen, während alle Fahrzeuginsassen der sengenden Hitze ausgesetzt waren. Die LKW-Fahrer spannten ihre Hängematten unter die Fahrzeuge, manche versuchten auch, zu verhandeln. Taxis brachten Passagiere bis zu Blockade, von wo aus sie etwa 100 Meter zu Fuss an der Absperrung vorbeimarschieren mussten, um dort in andere wartenden Taxis zu steigen. Ich spazierte mal hin und fragte einen älteren Mann, wer hier zuständig sei, mit wem ich sprechen könne. Ich müsse hier durch, weil meine Aufenthaltsbewilligung für Bolivien auslaufe und ich sonst gewaltigen Ärger bekommen würde. Er meinte nur, es sei gesperrt, aber am Abend komme jemand von Santa Cruz zum Verhandeln, und dann gehe die Sperre vielleicht auf. Es kam niemand. Wir kauften einer geschäftstüchtigen Frau ein abgepacktes Nachtessen ab und schliefen an Ort und Stelle.

Auch der Morgen brachte keine Änderung. Ich unterhielt mich mit ein paar Motorradtaxifahrern und fragte, was denn jetzt wieder das Problem sei. Sie hätten ja letzte Woche eine Einigung erzielt. Ja, aber der Gouverneur habe eben noch nicht unterschrieben! Und solange das nicht geschehen sei, würde weiter protestiert! Und anstatt sich um die Angelegenheit zu kümmern, sei der gute Herr an einem Fest. Es war der erste August und ich stellte mir vor, dass der Gouverneur vielleicht im Konsulat der Schweiz in Santa Cruz am feiern sei, und man mich, wenn das herauskäme, lynchen würde!

Eine Delegation aus LKW-Fahrern machte sich wiederholt auf den Weg zur Blockade um zu diskutieren und als sie weggeschickt wurden skandierten sie „Abre la ruta! Abre la ruta!“ Dass einige Holzknüppel dabeihatten, machte mir Sorgen. Aber so schnell die Stimmung hochgekocht war, so schnell beruhigte sich das Ganze wieder und die Chauffeure schlenderten zu ihren Hängematten zurück. Und plötzlich hiess es, die Sperre würde um 17:30 aufgehoben! Und schon warfen alle ihre Motoren und fuhren los, riesige Staubwolken aufwirbelnd.

Schon bald ging die Sonne unter und wir übernachteten auf einem Feldweg.

Am Donnerstagnachmittag erreichten wir endlich den Grenzort zu Brasilien. Da es einen schlechten Eindruck macht, mit einem schmutzigen Auto an der Grenze zu erscheinen, fuhren wir die erste Autowäsche, die wir sahen, an. Während Emma äusserst gründlich gereinigt wurde, sassen wir bei der kleinen Bar im Schatten und warteten. Einer der Hofhunde knurrte Filou wiederholt hinter einem Gitter her an, beruhigte sich dann aber und gab Ruhe. Als wir für die Autowäsche bezahlt hatten, und wir einsteigen wollten, nahm ich Filou auf den Arm, damit er nicht durch den Morast laufen würde und dann das ganze Fahrzeug schmutzig machen würde. Dass der grosse Hofhund schon dann auf Filou zurannte, war mir gar nicht bewusst. Dann wurde ich plötzlich von Hinten angesprungen und der Hund bekam Filous Hinterbein zu fassen. Schnell stellte ich Filou ab und drosch mit dere Hundeleine auf den Angreifer ein. Filou schrie wie am Spiess und wurde durchgeschüttelt und auf den Rücken gelegt. Der Karabinerhaken der Leine traf den Angreifer am Kopf und er wich kurz zurück. Diesen Augenblick nutzten die Arbeiter, um sich auf ihn zu stürzen und die anderen Rudelmitglieder auch unter Kontrolle zu bringen. Filou schrie immer noch vor Schmerz und liess sich nicht von mir hochheben. So schleifte ich den jammernden Hund zum Auto und bugsierte ihn hinein, wo er im Fussraum zusammensackte und am ganzen Körper zitterte. Mir war klar, dass da einiges im Argen war. Wir fuhren weg und suchten einen Parkplatz auf, um Filou zu untersuchen. Er blutete an mehreren Stellen und ich bat Felix, zu einem Tierarzt zu fahren. Erstaunlich, dass es in diesem Ort überhaupt einen gab! Das „Behandlungszimmer“ (Eingangsbereich zum Haus) war sehr rudimentär eingerichtet. Der Tisch schien selber gepolstert worden zu sein (warum wohl?). Filou hatte inzwischen seinen Maulkorb an und der Tierarzt machte sich dran, das Fell bei den gefundenen Bissverletzungen mit der Schere weg zu schneiden. An der Schulter klaffte ein grosser Riss, an einem Hinterbein ein weiterer. Dazu kam noch ein Loch in Brustbereich und am anderen Hinterbein. Das linke Vorderbein schmerzte Filou so stark, dass er nur auf drei Beinen ging. Zwei Wunden mussten genäht werden. Dafür tröpfelte der Tierarzt ein lokales Betäubungsmittel in die Wunden und begann mit einer normalen Nähnadel und Knopflochfaden zu nähen! Wenn das nur gut kommt, dachte ich.

Als er fertig war, schickte er uns in die Menschen-Apotheke, um Schmerzmittel/Entzündungshemmer und Antibiotika zu holen.

Am nächsten Tag ging es Filou nicht besser, aber wir entschieden uns, nach Brasilien aus zu reisen und im Grenzort Corumbà weiter zu schauen.

Unsere letzte Woche in Bolivien trübte unsere Begeisterung für das Land ein wenig. Diese immer wiederkehrenden Blockaden sind ein Ärgernis. Dass man damit Erfolg hat, ist erstaunlich (aber wahr), und dass die Menschen diese Methode als einzige Möglichkeit ansehen, tragisch.

Auch das Diesel tanken ist für Touristen nicht ganz einfach. Wir müssten mehr als doppelt soviel pro Liter bezahlen, als die Einheimische. Die Tankwarte müssten uns aber auch eine Rechnung ausstellen, wofür sie oft keine Lust haben und uns wegschicken. Bei anderen können wir den Preis drücken, wenn wir um „sin factura“ bitten, aber nur, wenn keine Kameras installiert sind. Und manche Tankstellen haben schlicht weg nichts mehr zu verkaufen. Wahrscheinlich steckt der Nachschub in einer Strassenblockade fest.

Trotzdem ist Bolivien ein wundervolles, abenteuerliches Reiseland, voller zwar zurückhaltenden, aber freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Ob man gerne friert oder lieber schwitzt, für jeden ist etwas dabei.

Der Hauptplatz von Santa Cruz de la Sierra
Mangobaum
Schatten spendende Arkaden für die Fussgänger
Nachts trifft man sich auf dem Platz vor der Kathedrale
Kaum aus der Stadt, schon wieder eine Blockade
Die LKW-Fahrer versuchen die Blockierer zu überzeugen, es dauert aber über 24 Stunden, bis wir weiterfahren können
Fahren in der Staubwolke
Bald sieht es aber wieder so aus: Natur pur
Zwischenhalt in San Jose de Chiquitos
 
Plötzlich wieder Hügel
Übernachtung in Chochis. Am Morgen mussten alle Schulkinder die Nationalhymne und Marschieren üben. Über zwei Stunden lang!
Ein friedliches, hünsches Dorf
Wir erreichen den Grenzort Puerto Suarez. Beim Auto waschen lassen wird Filou vom Hofhund angegriffen und beinahe zu Tode gebissen. Anstatt über die Grenze nach Brasilien zu fahren, suchen wir einen Tierarzt auf
Zwei der Wunden mussten genäht werde. Nach einer örtlichen Betäubung wurde Filou mit einer normalen Nadel und Knopflochfaden zusammengeflickt!
Sonnenuntergang über dem bolivianischem Pantanal
Filou hüpft auf drei Beinen raus, zurück muss er getragen werden
Adios und hasta luego Bolivia!
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